Diät & Essen

Diätkonzern launcht Abnehm-App für Kinder – und erntet scharfe Kritik

Das Unternehmen WW, das früher Weight Watchers hieß, bringt eine Diät-App für Kinder und Jugendliche heraus. Mit „Kurbo“ soll Kindern ein gesunder Lebensstil nähergebracht werden – damit wirbt zumindest WW. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, mit der App bereits im Kindesalter ungesunde und zwanghafte Essgewohnheiten zu fördern.

„Kurbo“ folgt dem üblichen Weight-Watchers-Prinzip: Jedoch zeigen keine Punkte, sondern eine Essens-Ampel an, welche Lebensmittel „gut“ oder „schlecht“ für die Gesundheit und das Gewicht sind – Grün steht dabei für Gemüse und Früchte, Rot steht für Süßigkeiten, Junkfood und Softdrinks. Kinder müssen zuvor ihr Alter, ihr Gewicht, ihre Größe und ihre angestrebten Ziele angeben. Dann wird ihnen ein eigener Coach zugewiesen, der per Videochat für die Motivation sorgen soll. Die App kostet rund 69 US-Dollar im Monat.

Die App ist seit Dienstag vorerst nur in den USA verfügbar und soll sich an Kinder zwischen acht und 17 Jahren richten. Auf Twitter kündigte WW den Launch der App an: „Wir freuen uns, Kurbo-Health zu präsentieren, ein wissenschaftliches Tool, das extra für Kinder und Teenager entwickelt wurde, die ihre Essgewohnheiten verbessern und aktiver werden wollen.“

In einem Video erklärt die 12-jährige Julianna, wie sie angeblich ihre Geschwindigkeit beim Joggen um drei bis vier Minuten verbessern konnte, seit sie „Kurbo“ nutzt.

Mit der Ankündigung zog WW umgehend Kritik in den sozialen Netzwerken auf sich. Die Vorwürfe lauteten, WW fördere mit solch einer App Essstörungen bereits im Kindesalter. „Gewichtsverlust bereits für Kinder zum Trend zu machen, macht Essstörungen zum Trend“, twitterte eine Userin. Eine andere schrieb: „Zwangsvorstellungen von Gewicht und Kalorien und Essen zu fördern mit… 8? Ich war 11 als meine Essstörung angefangen hat, weil ich auf Diät gesetzt wurde, da ich das schwerste Mädchen in meiner Klasse war. Ich bekam Angst vor dem Essen. Ich habe meine Jugend ruiniert.“

Eine Frau rief sogar eine Petition auf der Online-Plattform change.org ins Leben, die fordert, „Kurbo“ wieder vom Markt zu nehmen. „Die Entscheidung von WW diese App zu launchen ist gefährlich, unverantwortlich und unverzeihlich“, schreibt Holly Stallcup in der Petitionsschrift. „Ihr müsst diese App wieder herunternehmen und Tausende Kinder davor bewahren, Essstörungen zu entwickeln, die ihr Leben lang andauern und vielleicht sogar einige von ihnen töten werden.“

Die US-Ernährungsberaterin Rhiannon Lambert sagte dem britischen „Independent“, dass sie mit den Kritikern übereinstimme. Sie kenne viele Fälle von Kindern mit Essstörungen oder einem ungesunden Verhältnis zum Essen, die durch Diäten in jungen Jahren entstanden seien.

„Wie Kinder Essen sehen, wahrnehmen und rund um Ernährung erzogen werden, prägt im wahrsten Sinne des Wortes ihre zukünftige mentale Verfassung und ihre psychische Gesundheit“, sagte Lambert. Die neue App beunruhige sie extrem. „Restriktive Maßzahlen aufzustellen und Ideale zu generieren, die auf Nummern basieren, kann in solch einem jungen Alter sehr schädlich sein“, sagte sie.

Dem US-amerikanischen National Health Service (NHS) zufolge können Menschen in jedem Alter eine Essstörung entwickeln. Jedoch seien besonders junge Frauen im Alter von 13 bis 17 Jahren gefährdet.

WW kaufte „Kurbo“ für drei Millionen Dollar

„Kurbo“ ist nicht ganz neu. Ursprünglich wurde das Programm laut dem Portal „Techcrunch“ bereits 2014 entwickelt, um Fettleibigkeit im Kindesalter zu bekämpfen. Die Erfinderin Joanna Strober sagte damals, sie habe „Kurbo“ entwickelt, nachdem sie daran gescheitert war, ihrem eigenen Kind zu helfen.

Sie habe einen Onlinedienst entwickeln wollen, da sie mit den üblichen Programmen unzufrieden gewesen sei – mit „Fettleibigkeits-Zentren“ etwa wolle kein Kind in Verbindung gebracht werden, zudem seien die Behandlungen teuer, sagte sie damals. Gemeinsam mit der Stanford-Universität habe sie daher das Diätprogramm für Kinder entwickelt, das sich an wissenschaftliche Richtlinien halte.

WW kaufte das Programm nun für drei Millionen Dollar ab und erweiterte es um Meditationsangebote, Rezeptvideos und Spiele, die sich auf einen gesunden Lebensstil fokussieren. Die App beinhalte jedoch auch Kategorien, die etwa Gewichtsverlust messen und positive Punkte verteilen, wenn Ziele eingehalten werden.

Der Diätkonzern Weight Watchers steckt bereits seit Längerem in der Krise, der Aktienwert fiel zuletzt immens ab. Die neue Chefin Mindy Grossman zielt daher nun neben der Hausfrauenklientel auch auf jüngere Frauen und Männer, um ihnen beim Abnehmen zu helfen. Sie benannte die Marke in WW um. Die Zeiten des reinen Punktezählens sollen vorbei sein. „Wellness that Works“ ist angesagt, gesündere Ernährung, mehr Bewegung.

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