Kinder Gesundheit

Rätsel um Babys ohne Arme und Hände – sind Pestizide schuld?

In Frankreich stehen Mediziner vor einem Rätsel. In zwei Regionen des Landes sind zwischen 2009 und 2014 Babys ohne Arme oder Hände geboren worden. Jetzt wurden elf weitere Fälle bekannt. Ein genetischer Defekt gilt als ausgeschlossen, Schuld könnten Pestizide sein.

Bis zur Geburt ihres Sohnes Ryan, heute acht Jahre alt, war die Schwangerschaft bei Mélanie Vitry problemlos verlaufen. Doch als Ryan zur Welt kam, fehlte eine Hand. "Mein Mann Jonathan wurde ohnmächtig", erzählte die Mutter dem Fernsehsender France Télevision. Die Ärzte hatten keine Erklärung. Aber eines wussten sie: Im Umkreis von 17 Kilometern gab es sieben Kinder wie Ryan. Alle geboren zwischen 2009 und 2014.

"Umwelfaktoren könnten eine Rolle spielen"

Es ist ein Phänomen, das an die Contergan-Fälle in Deutschland erinnert: Babys, die mit Fehlbildungen an den Extremitäten zur Welt kommen. Sieben Fälle zwischen 2009 und 2014 in Westfrankreich und an der Atlantikküste registriert. Jetzt gab die Gesundheitsbehörde Santé Publique France bekannt, dass zwischen 2000 und 2014 elf weitere Babys ohne Arme und Hände nahe der Schweizer Grenze geboren wurden.

Die News haben die Öffentlichkeit beunruhigt. Es gibt Spekulationen, dass Gifte in Wasser, Lebensmitteln oder der Luft Schuld an den mysteriösen Fehlbildungen sind. Umweltministerin Agnès Buzyn sagte gegenüber dem Newskanal BFM TV: "Umfeldfaktoren könnten eine Rolle spielen. Vielleicht hängt es damit zusammen, was die Frauen gegessen, getrunken oder eingeatmet haben."

Alle Mütter lebten in der Nähe von Feldern

Nachdem die Zahl der Geburten mit fehlenden Gliedmaßen lange als nicht auffällig eingestuft worden waren, sind jetzt neue Untersuchungen gestartet. "Wir müssen verstehen, was die einzelnen Familien miteinander verbindet", erklärte die Ministerin. Erste Ergebnisse sollen Ende Januar 2019 bekannt gegeben werden. Krankenhausstatistiken besagen, dass bei 1,7 von 10.000 Geburten Fehlbildungen der Gliedmaßen auftreten. Dahinter können genetische Defekte oder Gifte stecken. Twitter / francetvinfo.fr / Mathieu Mondoloni Mélinda Mostini mit ihren beiden Kindern. Der siebenjährige Léo kam ohne linke Hand zur Welt.

Das bestätigt auch Mélinda Mostini, Mutter des kleinen Léo, dem die linke Hand seit Geburt fehlt. "Ein Arzt kam zu uns und stellte Fragen zu unseren Essgewohnheiten, welche Medikamente wir einnehmen, welche Putzmittel wir verwenden. Aber es gab keine Übereinstimmungen mit den anderen betroffenen Familien. Wir fragten uns damals, ob es mit der Umwelt zu tun hat. Mit Düngemitteln, Pestiziden…"

Zufall oder Skandal?

Die Epidemiologin Emmanuelle Amar ist alarmiert. Sie arbeitet für die Remera, ein Register, das vorgeburtlichen Fehlbildungen in der Region nachgeht. Und in dem 17 Kilometer-Radius liegen die Zahlen 58-mal höher als normal. "Wir haben alle Mütter sehr detailliert zu ihren Lebensgewohnheiten befragt. Das einzige, was sie gemeinsam haben: Sie alle leben auf dem Land, inmitten von Feldern", so die Expertin gegenüber France Télevision.

Die Behörden wurden bereits 2011 durch das Register informiert. Doch es geschah nichts. Erst nach dem Fernsehbericht reagierten sie. "Die Wahrscheinlichkeit, dass all diese Fälle zufällig sind, ist sehr gering. Das sieht nach einem Skandal aus", sagt Amar. Sie geht davon aus, dass alle Mütter während der Schwangerschaft Pflanzenschutzmitteln oder Pestiziden ausgesetzt waren.

Auch bei Tieren in der Region kam es zu Fehlbildungen

"Wissenschaftler müssen sich jetzt an einen Tisch setzen und nachforschen. Welches Molekül, das in der Landwirtschaft verwendet wird, kann zur Fehlbildung von Armen und Händen im Mutterleib führen? Wird so etwas in Futtermitteln oder woanders verwendet? Und alle betroffenen Mütter müssen sich treffen und miteinander sprechen. Durch einen solchen Austausch wurde damals in Deutschland auch die Missbildung von Föten durch das Schlafmittel Contergan und den Wirkstoff Thalidomid festgestellt", sagte die Medizinerin gegenüber der ARD.

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