Gesundheit

Corona-Experte von der Charité: „Wer Entwarnung gibt, verschließt die Augen“

Wie wird der Herbst in punkto Corona? Während manche Experten schon davon ausgehen, dass die Pandemie vorbei ist, sehen andere noch Gefahr. Auch der Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Charité in Berlin hält die Lage für völlig unberechenbar.

In Deutschland machen laut aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts aktuell über 1,4 Millionen Menschen eine Corona-Infektion durch – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Experten, allen voran Gesundheitsminister Karl Lauterbach, befürchten deshalb, dass der Herbst besonders schlimm werden könnte – wenn zur Sommerwelle noch eine Herbstwelle hinzu kommt. Käme dann eine neue Variante hinzu, wäre das Chaos vorprogrammiert.

Sander: Pandemie bringt immer wieder unerwartete Situation

Auch der Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Charité in Berlin, der auch dem Expertenkreis der Bundesregierung angehört, will noch keine Entwarnung geben. Ob wir mit dem neuen Corona-Maßnahmen-Fahrplan, der Teil des neuen Infektionsschutzgesetztes werden und ab Oktober gelten soll, gut gerüstet sind, mag er nicht beantworten: „Eine Prognose ist schwierig“, sagte er dem „RND“.

„Wir könnten durchaus in eine Situation kommen, in der effektive Maßnahmen zur Infektionskontrolle notwendig werden könnten. Im Verlauf der Pandemie haben sich immer wieder Situationen ergeben, die unerwartet waren“, sagte er weiter. Im schlimmsten Fall könne es also durchaus sein, dass wir wieder in eine Situation kommen, in der unsere kritische Infrastruktur stark belastet würde und es zu einem hohen Krankenstand und Personalmangel käme.

„Also ich glaube, man kann leider noch keine vollständige Entwarnung geben. Wer das tut, verschließt die Augen davor, was passieren könnte“, betont er weiter gegenüber „RND“. Pravention, Therapie und gute Datenerhebung blieben weiterhin wichtig.

Expertengruppe glaubt, es bestehe keine Gefahr mehr für Gesundheitssystem und Bevölkerung

Erst vor kurzem forderte eine Expertengruppe eine Expertengruppe rund um die Mediziner Thomas Voshaar und Matthias Schrappe sowie den Medizinstatistiker Gerd Antes in einem Positionspapier das Ende staatlicher Maßnahmen. „Aus epidemiologischer und medizinischer Perspektive ist das Virus nach derzeitigem Sachstand keine Gefahr mehr für das Gesundheitssystem und die Bevölkerung“, heißt es darin. Denn Covid als schwere und auch lebensbedrohliche Erkrankung werde in den Krankenhäusern praktisch gar nicht mehr gesehen.

Deshalb sind Voshaar und seine Kollegen davon überzeugt, dass es für den Herbst keiner weiteren Maßnahmen bedarf. Ständiges Testen oder gar eine Maskenpflicht seien nicht mehr nötig – auch keine Quarantäne. Nur Risikogruppen müssten weiterhin geschützt werden.

Sander: Nutzen der 4. Impfung am größten bei Risikogruppen

Flankierend zu den Corona-Maßnahmen wie etwa Maskenpflicht und Testpflicht in medizinischen Einrichtungen will die Regierung auch im Herbst nochmal die Impfkampagne pushen. Vor allem die vierte Impfung steht dabei im Mittelpunkt. Für bestimmte Gruppen erachtet auch Leif Erik Sander den zweiten Booster als gute Sache: „Besonders profitieren ältere Menschen und vulnerable Gruppen von dem zweiten Booster. Diese Menschen haben grundsätzlich ein höheres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken und zu versterben“, erklärt er bei „RND“ weiter.

Studien aus Israel zeigten laut Sander, dass generell Menschen über 60 Jahren von der vierten Impfung profitieren würden – die Ständige Impfkomission empfiehlt sie dagegen erst ab 70 Jahre. „Ab welchem Alter ein konkreter Benefit vorhanden ist, darüber lässt sich diskutieren“, gibt auch Sander, der selbst an Impfstoffen forscht, zu bedenken. Allerdings zeigte sich auch schon in neuen Forschungsarbeiten, dass sich die Infektionswahrscheinlichkeit durch die vierte Impfung reduziere – wenn auch nur kurzfristig.

Mit drei Impfungen sind die meisten vor schwerer Erkrankung hervorragend geschützt

Selbst wenn die Impfung daher für alle einen positiven und schützenden Effekt hätte, schließt sich Sander dennoch der Empfehlung der Stiko bezüglich des zweiten Boosters an. „Für alle über 70-Jährigen, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen, und Menschen mit Immunschwäche ist eine vierte Impfung aktuell ratsam.“

Dennoch könnten sich auch jüngere Menschen „problemlos“ impfen lassen, wenn sie den Wunsch hätten. Auch wenn jüngere generell ein niedrigeres Risiko für einen schweren Verlauf hätten, rät Sander von einem zweiten Booster nicht ab. „Mit drei Impfungen sind die meisten vor schwerer Erkrankung hervorragend geschützt“, so Sander weiter beim „RND“. Dennoch sei es nicht so, dass sie von der vierten Impfung überhaupt keinen Benefit hätten: Dieser sei aber größer im Alter.

Infektionsdruck sehr hoch: Ältere sollten nicht auf angepassten Impfstoffe warten

Auf die angepassten Impfstoffe zu warten, die laut Lauterbach im Herbst verfügbar sein sollen, hält der Immunologe allerdings nicht für sinnvoll: „Den Älteren würde ich es definitiv nicht empfehlen. Sie sollten sich lieber jetzt impfen lassen, denn der Infektionsdruck in der Bevölkerung ist nach wie vor hoch.“

Es käme weiterhin vor, dass Menschen schwer an Covid-19 erkrankten. Auch die Möglichkeit, dass es möglicherweise noch weitere Auffrischungsimpfungen bräuchte, schließt er nicht aus. Für jüngere Menschen sehe ich das nicht kommen. Für bestimmte Risikogruppen aber könnte dies der Fall sein.

Watzl: Zweiter Booster für Menschen mit Vorerkrankungen sinnvoll

Denn wenn es nach Lauterbach ginge, sollten sich am besten alle Erwachsenen zum zweiten Mal boostern lassen. Gesunde Erwachsene unter 60 können aber aus immunologischer Sicht gut auf den Omikron-Impfstoff im Herbst warten. Darin sind sich Fachleute einig.

„Wenn man irgendwelche Vorerkrankungen hat oder stark übergewichtig ist, dann ist es durchaus sinnvoll, sich schon jetzt den vierten Booster zu holen“, empfiehlt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“. „Dann sollte man mindestens drei Monate warten und kann sich dann den an Omikron angepassten Impfstoff geben lassen“, rät Watzl.

Natürliche Infektionen wirken wie Immunbooster

Dennoch dürfe man auch die durchgemachten Infektionen nicht vergessen, die wie Immunbooster wirken. „Angenommen, man ist dreimal geimpft und hat sich im Sommer mit Omikron infiziert, dann kann man die Infektion wie eine Impfung mitzählen", erklärt Sander.

Die hohe Infektionsrate hat zudem auch einen positiven epidemiologischen Effekt: So geht der Immunologe Carsten Watzl mittlerweile von einer sehr hohen Grundimmunität in der Bevölkerung aus. „Nicht nur durch die Impfungen, sondern auch durch die vielen erfolgten Omikron-Infektionen ist die Immunität in der erwachsenen Bevölkerung inzwischen deutlich gestiegen“, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“. „Man kann davon ausgehen, dass sie bereits bei 95 Prozent liegt und die Ausgangslage diesen Herbst damit besser ist.“

Dennoch könne man nicht auf weitere Impfungen und Hygienemaßnahmen verzichten: „Es geht immer auch darum, zu viele Krankheitsausfälle zu vermeiden, die in wichtigen Bereichen Probleme bereiten, und auch das Risiko zu vermindern, dass sich vulnerable Gruppen infizieren“, sagte Watzl weiter. Deshalb müsse die Politik auch einen gewissen Maßnahmen-Katalog vorbereiten, den man im Winter hervorholen könne, betonte der Immunologe.

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