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Corona-Panik übertrieben? Ist Grippe gefährlicher als Covid-19? – Naturheilkunde & Naturheilverfahren Fachportal

Risiko der Coronavirus-Infektionen übertrieben?

Im Internet machen sich Stimmen breit, die behaupten, das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 sei ungefährlich und nicht schlimmer als eine gewöhnliche Grippe-Erkrankung. Hierzu werden mehr oder weniger schlüssige Argumente vorgelegt, die Menschen überzeugen sollen, dass es gar keine Pandemie gibt. Was ist dran an den Argumenten?

Unter den Corona-Kristiker befinden sich teilweise auch bekannte Ärzte, wie beispielsweise Wolfgang Wodarg. Aber auch einige Politikerinnen und Politiker stellen sich hinter die Aussagen. So ruft beispielsweise die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld am Samstag auf Twitter dazu auf, eine Petition zu unterzeichnen, die alle Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie aufheben soll. Wie belastbar sind die angeführten Argumente?

Was sagen die Coroan-Kritiker?

Lengsfeld schreibt auf Twitter: „Die derzeitige durch das Corona Virus Covid19 hervorgerufene Grippewelle ist nachweislich weit weniger gefährlich als andere Grippewellen, was man z.B. an den Fallzahlen ablesen kann, die das Robert Koch Institut (RKI) täglich bekannt gibt. Demnach lag am 25. März 2020 die Anzahl der Infizierten bei 31.554, die Zahl der Todesfälle bei 149.“

Gefährliches Halbwissen

In dieser Aussage befinden sich jedoch gleich mehrere Fehler. Zum einen heißt das Coronavirus SARS-CoV-2 und die daraus resultierende Erkrankung COVID-19. Aber abgesehen davon wird hier eine beginnende Pandemie mit einer abgeschlossenen Grippe-Welle verglichen. Kein Mensch kann zu diesem Zeitpunkt wissen, wie diese Zahlen in ein paar Monaten aussehen werden – und welche Rolle die getroffenen Schutzmaßnahmen dabei spielen.

Im Hinblick auf die Spanische Grippe in den Jahren 1918 und 1919 zeigte sich jedoch, dass durch Isolationsmaßnahmen die Erkrankungs- und Sterberate bis zu 50 Prozent gesenkt werden konnte. Für mehr Informationen lesen Sie den Artikel: Corona-Pandemie: Was wir von der Spanischen Grippe lernen können.

Zudem sind in Deutschland die COVID-19-Sterberaten im internationalen Vergleich sehr gering. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Deutschland eine hohe Expertise in der Intensivmedizin hat und alle Betroffenen sehr gut versorgt werden. Wenn dieses Reservoir ausgeschöpft ist, würde sich auch ein anderes Bild in der Sterberate ergeben. Das zeigt sich beispielsweise in Italien, wo auf 92.472 bestätigte COVID-19-Fälle 10.023 Todesfälle kommen (Stand: 29.03.2020; Quelle: Johns Hopkins University).

Die Sterberaten in Europa entsprechen dem Durchschnitt

Ein oft angeführtes Argument der Kritikerinnen und Kritiker ist, dass die derzeitigen Sterberaten in Europa dem Durchschnitt entsprechen und in manchen Ländern sogar unterdurchschnittlich sind. Als Quelle wird hier die Webseite „EuroMOMO“ zitiert, wo die Gesamtmortalitätsraten in bis zu 24 europäischen Ländern dargestellt werden. Hier lassen sich derzeit noch keine Auswirkungen der Corona-Pandemie ablesen. Aber heißt das auch wirklich, dass es keine Auswirkungen gibt?

Die Antwort darauf geben die Betreiber der oft zitierten Webseite selber: „In den letzten Tagen hat EuroMOMO viele Fragen zu den wöchentlichen Daten über die Gesamtmortalität und den möglichen Beitrag einer COVID-19-bezogenen Mortalität erhalten“, schreibt das EuroMomo-Team. „Einige fragen sich, warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen für die von COVID-19 betroffenen Länder keine erhöhte Mortalität beobachtet wird.“

Stellungnahme von EuroMomo

„Die Antwort ist, dass eine erhöhte Mortalität, die vor allem auf subnationaler Ebene oder in kleineren Schwerpunktbereichen und/oder konzentriert in kleineren Altersgruppen auftreten kann, auf nationaler Ebene möglicherweise nicht nachweisbar ist, noch weniger in der gepoolten Analyse auf europäischer Ebene, da der Nenner der Gesamtbevölkerung sehr groß ist. Darüber hinaus gibt es immer einige Wochen Verzögerung bei der Registrierung und Meldung von Todesfällen. Daher müssen die EuroMOMO-Mortalitätszahlen der letzten Wochen mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden.“

„Auch wenn eine erhöhte Sterblichkeit in den EuroMOMO-Zahlen nicht sofort erkennbar ist, bedeutet dies nicht, dass die erhöhte Sterblichkeit nicht in einigen Gebieten oder in einigen Altersgruppen auftritt, einschließlich der Sterblichkeit im Zusammenhang mit COVID-19“, so die Stellungnahme des EuroMomo-Teams.

Überprüfen Sie Ihre Quellen genau

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Videos auf YouTube, in denen seriös erscheinende „Experten“ eine ganz eigene Interpretation der Sachlage verbreiten. Als Beispiel ist hier Dr. Bodo Schiffsmann zu nennen, der ein Video veröffentlicht, indem er behauptet, dass das renommierte Fachjournal „New England Journal of Medicine“ verkündet hätte, dass die Mortalität bei COVID-19 unter 0,1 Prozent liegen würde.

Bei der angeführten Quelle handelt es sich um das Editorial „Navigating the Uncharted“. Hier zitiert Schiffsmann einen einzigen Satz des Editorials und bewertet diesen ohne den gesamten Kontext. Dieser Satz lautet: „Dies deutet darauf hin, dass die klinischen Gesamtfolgen von Covid-19 letztlich eher denen einer schweren saisonalen Grippe (mit einer Todesfallrate von etwa 0,1%) oder einer pandemischen Grippe (ähnlich denen von 1957 und 1968) ähneln als einer Krankheit wie SARS oder MERS, bei denen die Todesfälle 9 bis 10 Prozent beziehungsweise 36 Prozent betrugen.“

Grobe Schätzungen

Was herausgelöst aus dem Kontext zunächst so klingt, als würde eine genaue Datenlage darauf hindeuten, dass die Moralität unter 0,1 Prozent liegt, wird deutlicher, wenn man sich den gesamten Absatz in dem Editorial anschaut:

Die Autoren schreiben: „Auf der Grundlage einer Falldefinition, die die Diagnose einer Lungenentzündung erfordert, liegt die derzeit gemeldete Todesfallrate bei etwa zwei Prozent. In einem anderen Artikel wird von einer Mortalität von 1,4 Prozent bei 1099 Patienten mit Labor bestätigtem Covid-19 berichtet. Diese Patienten hatten ein breites Spektrum an Krankheitsschwere. Wenn man davon ausgeht, dass die Zahl der asymptomatischen oder minimal symptomatischen Fälle ein Mehrfaches der gemeldeten Fälle beträgt, kann die Todesfallrate deutlich unter 1 Prozent liegen.“

Bei der sehr wohlwollenden Schätzung von unter 0,1 Prozent müssten also mehr als 90 Prozent der SARS-CoV-2-Infektionen asymptomatisch verlaufen – hierfür gibt es keinerlei Beweise. Das RKI schätzt, dass auf Grundlage der derzeitigen Datenlage rund jeder zweite Fall asymptomatisch verläuft. Zudem zeigt die Studie, auf die sich das Editorial beruft auch, dass beispielsweise Herzerkrankte und Bluthochdruckpatienten einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Diese Gruppe allein macht schon über 20 Millionen Menschen in Deutschland aus. Mehr Informationen hierzu finden Sie in dem Artikel: COVID-19: Bei Herzkranken erhöht sich das Risiko.

Muss man Angst vor COVID-19 haben?

Es geht nicht darum, Angst haben zu müssen oder Angst verbreiten zu wollen, sondern einen Weg zu finden, auf dem möglichst viele Menschen unbeschadet durch die Krise gelangen. Vieles ist noch unklar und selbst wenn das Risiko für den Einzelnen nicht sehr hoch erscheint, ist eine völlige Verharmlosung gefährlich, da es sich um ein neues Virus handelt, das hochansteckend ist und für das es im Gegensatz zur Grippe keine Grundimmunitäten oder Impfungen gibt.

Der Deutsche Ethikrat hat hierzu eine Empfehlung veröffentlicht, die sowohl die Interessen der Schutzbedürftigen als auch der arbeitenden Bevölkerung vertritt. Demnach sollte die Krise vor allem mit den Grundprinzipien der Solidarität und Verantwortung angegangen werden. Mehr über die Empfehlungen des Deutschen Ethikrates finden Sie in dem Artikel: Ethikrat-Empfehlung: So können wir zusammen die Corona-Krise bezwingen! (vb)

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