Gesundheit

Die Corona-Ermittler: Wie Forscher nun einzigartige Daten zum deutschen Ur-Ausbruch sammeln

Die Kappensitzung in der Gemeinde Gangelt im Landkreis Heinsberg wird in die Geschichte eingehen. Jedenfalls in die Wissenschaftsgeschichte. Am Wochenende 14./15. Februar feierten die Einwohner hier nicht nur bei Bier und Wein, sie tanzten gemeinsam, umarmten und küssten sich. Von dieser Sitzung aus, glauben Wissenschaftler und Politiker, nahm das Unheil seinen Lauf. Das Corona-Virus verbreitete sich rasend schnell und infizierte so viele Bewohner, dass das Robert-Koch-Institut den Landstrich in Nordrhein-Westfalen als „besonders betroffenes Gebiet“ einstufte. Es gilt als das erste großflächige Infektionsgebiet in Deutschland.

Genau hier setzen jetzt Virologen der Universität Bonn an. Unter der Führung von Professor Hendrik Streeck, 42, untersuchen sie in einem bisher einzigartigen Feldversuch die Einwohner von Heinsberg. In der Gemeinde Gangelt haben sie ihr provisorisches Forschungs-Zentrum errichtet. Streeck hält die Gemeinde für „einzigartig“. Schon kurz nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls schloss der Landrat die Schulen, das öffentliche Leben wurde früher als anderswo auf ein Minimum reduziert. Die Heinsberger blieben unter sich.

Und das macht sie nun so interessant für die Forscher: Das „Heinsberg-Protokoll“, wie sie ihre Studie nennen, könnte Aufschlüsse geben über die exakten Übertragungswege des Virus und sie könnte dabei helfen, die Maßnahmen nach dem Lockdown zu definieren. 1000 Menschen nehmen an der Studie teil. Oder, noch wichtiger für Streeck und sein interdisziplinäres Team von über 60 Mitarbeitern, 300 Haushalte. Denn es gilt, vereinfacht gesagt, herauszufinden, wer mit wem welchen Kontakt auf der besagten Karnevalssitzung gehabt hat. Und wie die Übertragung danach in den Familien genau ablief.

Corona-Pandemie

In Heinsberg wird getestet, wie durchseucht die Republik ist – und die Zahlen machen Hoffnung

Wie verbreiteten sich die Coronaviren?

Dazu geht Streeck aber erst einmal zurück zu dem vermuteten Ausbruchabend: „Saßen sie zusammen, haben sie gemeinsam getanzt? Haben sie die Waschräume benutzt? Was haben die Menschen anders gemacht, die sich nicht infiziert haben?“ Und, besonders wichtig: „Wie hoch ist die Dunkelziffer?“ Schon in der letzten Woche konnten die Wissenschaftler 30 Haushalte befragen. In den kommenden Wochen sollen schon erste Ergebnisse aus den akribischen Umfragen veröffentlicht werden.

Außerdem wurden die positiv getesteten Personen (Stand 31. März im Landkreis: 1307 an Covid-19 erkrankte Personen, 609 genesen, 37 verstorben) gebeten, ihr Heim nicht zu putzen. Ein Team von Hygienikern nimmt seit Beginn der Studie in den Wohnungen Proben. Sie wollen wissen: „Wo hält sich das Virus auf? Wie lange ist es lebensfähig?“ (Viren sind genau genommen keine Lebewesen, sie brauchen einen Wirt).

Vor allem Türklinken, Glasflächen und Fernbedienungen werden untersucht. Die Vermutung: Auf Flächen ist das Virus bei Weitem nicht so gefährlich wie bei der Tröpfcheninfektion durch Husten. Und auf rauen Flächen „stirbt“ das Virus deutlich schneller als auf glatten Flächen. „Aber das wissen wir eben in diesem frühen Stadium der Studie noch nicht“, dimmt der Studienleiter die Erwartungen. Auf Nachfrage windet sich Streeck geradezu, da er nicht falsch verstanden werden will. „Wir haben genetisches Material auf Flächen gefunden, konnten es im Labor aber nicht mehr anzüchten. Das könnte bedeuten, dass es nicht mehr so infektiös ist.“

Streeck: „Ohne Daten kommen wir hier nicht weiter“

Neben der Frage, warum sich einige Familienmitglieder anstecken und andere nicht, interessiert die Forscher auch die Dunkelziffer der Infizierten. Das könnte einen Aufschluss geben über die Durchseuchung. „Welche Maßnahmen sind nützlich? Wie genau kann man gefährdete Bevölkerungsgruppen schützen?“ Streeck versucht im Kleinen zu ermitteln, welche Maßnahmen für Deutschland oder Europa sinnvoll oder sogar sinnlos sind. „Ohne Daten kommen wir hier nicht weiter“, sagt er.

Es laste nun auch ein Druck auf ihm, bekennt er offen. Er will in hoher Geschwindigkeit Fakten sammeln, bewerten und veröffentlichen. Das birgt immer das Risiko einer möglichen Fehlinterpretation.

Vor allem stört sich die Wissenschaftswelt daran, dass Ministerpräsident Armin Laschet als erster die Forschungsergebnisse bekommt: „Er ist unser Auftraggeber“, erklärt der Virologe. Die Kritik aus dem Kollegenkreis kümmert den Forscher allerdings im Moment nicht so sehr. Er will schnell Handlungsempfehlungen aussprechen, die mit Daten unterfüttert sind. Und er will völlig transparent agieren. Bei Twitter können alle Interessierten unter #heinsbergprotokoll die Studie verfolgen, ebenso auf Facebook oder auf der Seite seines Instituts.

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