Gesundheit

„Kann daraus nichts ableiten“: Virologe Drosten übt Kritik an Heinsberg-Studie

Am Donnerstag stellte der Virologe Hendrik Streeck in Düsseldorf die ersten Ergebnisse der Heinsberg-Studie vor. Basierend darauf halten er und seine Kollegen eine Lockerung der Maßnahmen für möglich. In einer anderen Veranstaltung übten Experten kurz darauf allerdings Kritik an der Untersuchung – und baten um die Vorlage eines Manuskripts.

Der Kreis Heinsberg gilt als Epizentrum der Coronavirus-Pandemie – und ist damit zum Studienobjekt geworden. Ein Forscherteam um den Virologen Hendrick Streeck von der Universität Bonn versucht dort exemplarisch herauszufinden, wie man langsam zur Normalität zurückkehren kann. Gestern haben die Wissenschaftler vorläufige Ergebnisse vorgestellt.

Im Blickpunkt der Forscher steht vor allem die Gemeinde Gangelt, die als Epizentrum der Coronavirus-Pandemie gibt. In dem Ort hatten sich nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar Hunderte Bürger mit dem neuartigen Virus infiziert. Die Region hat damit bereits Entwicklungen durchgemacht, die in anderen Orten noch bevorstehen können. Das macht sie zu einem interessanten Studienobjekt. Auch flacht hier die Kurve der Infektionszahlen bereits ab.

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Bei 14 Prozent der Untersuchten soll Corona-Infektion nachgewiesen worden sein

Nach Erkenntnissen von Streeck und seinen Kollegen sollen bei rund 15 Prozent der untersuchten Bürger eine Corona-Infektion nachgewiesen worden sein – teilweise mit milden Verläufen oder ganz ohne Symptome. Diese Menschen hätten eine Immunität entwickelt. Zum Vergleich: Am Tag, als die Studie gestartet wurde, waren im Kreis Heinsberg offiziell nur rund 1250 nachgewiesene Erkrankungen gezählt worden – bei rund 250.000 Einwohnern.

Die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, lag den vorläufigen Zahlen zufolge bei 0,37 Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten. Die in Deutschland derzeit von der amerikanischen Johns Hopkins University berechnete entsprechende Rate betrage 1,98 Prozent und liege damit um das Fünffache höher, so die Forscher. Die Wissenschaftler unterstrichen aber, dass man deshalb nicht automatisch davon ausgehen könne, dass auch die Gesamtzahl der Infizierten in Deutschland fünfmal höher sei als angenommen. Für diese Abschätzung sei es noch zu früh.

  
 
  

Basierend auf ihren Ergebnissen halten die Wissenschaftler eine beginnende Lockerung der strengen Coronavirus-Maßnahmen für möglich. Voraussetzung sei, dass zum Beispiel Hygiene- und andere Verhaltensregeln weiterhin strikt befolgt würden. Streeck sprach davon, „in eine Phase zwei“ einzutreten.

Drosten: Bevor man an breite Öffentlichkeit geht, müssten Ergebnisse zumindest in Manuskript vorliegen

Doch die Freude könnte verfrüht sein. Denn nicht an der Studie beteiligte Experten äußerten bereits kurze Zeit später Zweifel an den Zwischenergebnissen und vor allem Kritik an der Präsentation derselben.

„Ich habe mir gerade diese Pressekonferenz angehört auf Phoenix, und ich kann daraus nichts ableiten. Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht“, sagte Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin. Er forderte, dass wissenschaftliche Daten dieser Art zunächst in einem wissenschaftlichen Manuskript publiziert werden müssten. „Selbst wenn das noch nicht begutachtet ist, müsste ja zumindest mal in Manuskript-Form eine Zusammenfassung präsentiert werden, bevor man damit an die breite Öffentlichkeit geht und auch an die Politik. Sonst ist das eine Situation wie jetzt, in der man einfach nichts weiß.“

Ein zweiseitiges Dokument, in dem die Studie grob skizziert wird, ist mittlerweile auf den Seiten des Landes NRW zu finden.

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Drosten: "Es gibt keinen Vorwurf an die Kollegen, nur eine Nachfrage"

Unklar ist offenbar auch, ob der verwendete Test überhaupt das alleinig sicher nachweisen konnte, was die Wissenschaftler nun herausgefunden haben wollen, wie die „Süddeutscher Zeitung“ berichtet. Gérard Krause, Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, zufolge gebe es derzeit noch keine breit verfügbaren Tests, die Immunität gegen den Coronaerreger nachweisen könnten. 

Sogenannte Elisa-Test, die derzeit bereits erhältlich sind, sollen zum Teil nicht nur Antikörper gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 nachweisen, sondern auch gegen andere Arten von humanen Coronaviren, etwa solche, die Erkältungen auslösen können. Laut Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung lösen bisher bekannte Coronaviren ein Drittel aller Erkältungen aus.

Falls man mit einem Elisa-Test nun testet, dann könnte der Test laut Drosten auch bei Menschen noch positiv ausfallen, die eine durch endemische Coronaviren verursachte Erkältungskrankheit hatten. Daher müsste man laut Drosten ein solches Ergebnis nochmal mit einem weiteren virologischen Test im Labor bestätigen.

Auch Gérard Krause äußerte sich kritisch: „Ich sehe da noch ein anderes Problem, das vielleicht fast quantitativ noch stärker ist.“ Krause wies zwar daraufhin, dass er die Studie ebenfalls nicht kenne, da sie noch nicht publiziert sei, aber da es eine Haushaltsstudie gewesen sei, nehme er an, „dass alle Mitglieder aus dem Haushalt getestet worden sind. Das kann man so machen. Aber dann darf man keineswegs alle Ergebnisse nehmen und in Prozent umrechnen, sondern allenfalls pro Haushalt nur eine Person nehmen“, erklärt der Experte. Denn da innerhalb eines Haushalts die Gefahr einer Ansteckung höher ist als in der Bevölkerung allgemein, könnte das sonst ein Ergebnis verfälschen.

Streeck hat sich zur Kritik bereits geäußert

Die "taz" hat kürzlich bereits auf die Kritik von Drosten an der Heinsberg-Studie hingewiesen, von einem „Disput“ gesprochen und davon, dass Drosten die Ergebnisse der Kollegen „zerrissen“ hätte. Davon distanzierte sich der Charité-Virologe aber bereits auf Twitter und schrieb: „Es gibt keinen Vorwurf an die Kollegen, nur eine Nachfrage.“ Ein Diskurs sei schließlich wichtig für die wissenschaftliche Meinungsbildung.  

"Zeit Online" hat bereits mit Hendrik Streeck über die Kritik gesprochen. Streeck sei überzeugt, dass der verwendete Test, natürlich mit gewisser Fehlertoleranz zwischen einer Infektion mit Sars-CoV-2 und anderen Coronaviren differenzieren könne. Der Hersteller gebe die Spezifität mit mehr als 99 Prozent an. Falsch positive Ergebnisse kämen also in weniger als einem Prozent der Fälle vor.

Zu der Kritik von Gérard Krause sagte Streeck gegenüber "Zeit Online", dass tatsächlich nicht haushaltsweise sondern jede Einzelperson gezählt worden sei. Weiter heißt es dort: "Die Studie sei 'mit heißer Nadel' gestrickt worden."

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