Gesundheit

Tobi Schlegl: "Angst habe ich nicht, aber ein ungutes Gefühl schleppe ich schon mit mir rum"

Herr Schlegl, 2016 wagten Sie den Quereinstieg und begannen eine Ausbildung zum Notfallsanitäter. Neulich schrieben Sie auf Twitter: "Im Rettungsdienst gibt es kein Homeoffice." Das klang sehnsüchtig. Würden Sie gerne tauschen?

Nein, dauerhaft nicht, ich würde dann wohl unruhig zu Hause sitzen. Notfallsanitäter zu sein, bedeutet rauszufahren. Aber klar: Es gibt schon Tage, an denen ich etwas neidisch an Leute denke, die von zuhause arbeiten und den ganzen Tag eine Jogginghose tragen können. Wenn ich eine Zwölf-Stunden-Schicht hinter mir habe und in den letzten Minuten noch ein Einsatz reinkommt, das wäre zum Beispiel so ein Tag. Dann werden aus zwölf Stunden schnell mal vierzehn. Aber: Ich arbeite ja Teilzeit im Rettungsdienst, von daher sitze auch ich gelegentlich in Jogginghose in meinem Sofa-Büro. 

Wer sich für einen neuen Beruf entscheidet, hat meist ein bestimmtes Bild im Kopf. Was war Ihre Vorstellung von dem Job als Notfallsanitäter – und was ist nach dem Realitätscheck davon übriggeblieben?

Es gibt viele Berufe, bei denen man sich am Ende eines Arbeitstages fragt: Was habe ich heute konkret geleistet? Diese Frage gibt es für einen Notfallsanitäter nicht. Ich habe mich für den Job entschieden, weil ich helfen und etwas Relevantes tun wollte. Das hat sich absolut erfüllt. Es ist ein sehr intensives Gefühl, bei einer Lebensrettung dabei zu sein. Und wenn sich der Patient womöglich noch bedankt, dann ist das einfach unglaublich. Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung. Ich sehe aber auch die andere Seite, die der Beruf mit sich bringt.

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Nicht jeder Einsatz endet wie erhofft…

Genau. Es gibt sehr viel Leid, sehr viel Tod. Dazu kommen all die Bilder, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Es gab einen Zeitpunkt in der Mitte meiner Ausbildung, da hat mich das sehr stark belastet. Ich habe damals mit meinem Roman "Schockraum" begonnen, das hat mir geholfen, bestimmte Einsätze von der Seele zu schreiben. Zu den körperlichen und psychischen Belastungen kommen dann noch die Arbeitsbedingungen, die uns allen im Rettungsdienst das Leben so schwer machen. Personalmangel ist ein großes Problem, aber auch die vielen Arbeitsstunden bei niedriger Bezahlung. Ein Notfallsanitäter arbeitet in Vollzeit 200 Stunden im Monat und verdient 3000 Euro brutto. Da wirft man am Ende des Monats nicht die Fuffis durch den Club. Obendrauf kommen dann oft noch Extra-Schichten. Das bedeutet: Kollegen springen ein, damit die Rettungswagen überhaupt fahren können. Und der Rettungswagen muss ja immer fahren. Gerade eben habe ich wieder eine Anfrage bekommen. Diese Mails – Wer kann einspringen? – kommen beinahe täglich.

Auch die Corona-Pandemie ist für viele Menschen eine starke Belastung. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

Wir im Rettungsdienst haben ständig mit Infektionen zu tun, und das nicht erst seit Corona. Wir haben jetzt standardmäßig die FFP2-Maske dabei, das war vorher nicht so. Dazu kommt weitere Schutzkleidung, wenn wir zu einem Corona-Verdachtsfall gerufen werden. Die müssen wir uns schnell unten im Rettungswagen anziehen, bevor wir in die Wohnung gehen. Das kostet Zeit, die im Rettungsdienst so wichtig ist. Wir verlieren in solchen Fällen meist ein bis zwei Minuten. Was ich persönlich aber besonders problematisch finde: Ein großer Teil des Jobs beruht nicht nur auf medizinischen Maßnahmen, sondern auch auf Empathie. Gutes Zureden, Ängste nehmen, ein freundlicher Blick – all das ist in voller Schutzmontur natürlich schwieriger als sonst. Und nach dem Einsatz wartet dann noch Zusatzarbeit auf uns.

Was meinen Sie?

Wir müssen den Rettungswagen desinfizieren. Man stellt sich das immer so simpel vor und hat gleich die Bilder von diesen Desinfizier-Geräten aus Asien im Kopf – einmal reingenebelt, fertig. Wir benutzen aber Desinfektionstücher, mit denen wir das Wageninnere schrubben. Das Ganze dauert eine gute Stunde. Und: An manchen Tagen haben wir teilweise bis zu drei Corona-Verdachtsfälle. Das bedeutet auch drei Stunden desinfizieren. Das ist schon eine ordentliche Belastung für alle.

Haben Sie Angst vor einer Ansteckung?

Angst habe ich nicht, aber ein ungutes Gefühl schleppe ich schon mit mir rum. Ich weiß natürlich, dass ich mich in jeder Schicht anstecken kann. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Da überlege ich mir schon, ob ich meine Eltern besuchen gehe oder eben nicht. Ich finde es auch gut, dass das Rettungspersonal bei den Corona-Impfungen in Prio-Gruppe eins eingeordnet wurde. Die Impfungen finden jetzt allmählich auch statt, aber der Start war ziemlich schleppend. Das hat schon für Frust gesorgt.

Apropos Frust: In der ersten Welle war die Solidarität mit Pflegekräften, medizinischem Personal und auch Rettungsdienst groß. "Flatten the Curve" lautete das Stichwort. In der zweiten Welle ist von diesem Zusammenhaltsgefühl kaum noch etwas zu spüren. Ärgert Sie das?

Ich glaube schon, dass zum Beispiel das Klatschen vom Balkon, was einige ja auch als zynisch betrachtet haben, ganz ehrlich gemeint war. Ich habe das als Ausdruck von Dankbarkeit und Mitgefühl erlebt. Aus der Politik gab es zu der Zeit auch viele Versprechungen. Das eigentlich Frustrierende ist ja, dass die nicht eingehalten wurden. Die Corona-Bonuszahlungen sind so ein leidiges Thema. Der Rettungsdienst wurde da überhaupt nicht berücksichtigt.

Über die Situation des Rettungsdienstes haben sie kürzlich auch mit Gesundheitsminister Jens Spahn auf Instagram gesprochen.

Ja, und wir haben eine To-Do-Liste erstellt. Mit am wichtigsten ist sicher, dass wir von den 200 Stunden Arbeitszeit im Monat wegkommen. Außerdem brauchen wir bessere und schnellere psychologische Betreuung nach besonders belastenden Einsätzen. Und wir müssen die Personalnot klar kommunizieren – die ist im Rettungsdienst so groß wie in der Pflege. Im Rettungsdienst sehe ich eine große Fluktuation. Wir verlieren permanent gut ausgebildetes Personal aufgrund der Arbeitsbedingungen. Das sind oft junge Leute Mitte 20, die dann sagen: Das will ich mir nicht ein Leben lang antun, besser nochmal studieren.

Diese Woche startet Ihr neuer Podcast "2Retter1Mikro", in dem sie mit Rettungspersonal und Pflegekräften über ihren Job sprechen und Erste-Hilfe-Wissen vermitteln. Können Sie nebenbei überhaupt noch im Rettungsdienst arbeiten?

Ich habe für mich festgestellt, dass ich den Beruf des Notfallsanitäters nicht zu 100 Prozent ausüben kann. Nach der Ausbildung hätte ich den Job wahrscheinlich höchstens zwei, drei Jahre in Vollzeit machen können, dann wäre ich verbrannt gewesen wie so viele meiner jungen Kollegen. Deswegen habe ich reduziert, auch aus Selbstschutz. Aktuell arbeite ich die Hälfte meiner Zeit im Rettungsdienst und die andere Hälfte verbringe ich mit meiner alten Liebe, der Arbeit als Reporter, Autor und Medienmacher.

Es stimmt, Sie gehen sehr journalistisch vor, erkennen Missstände, sprechen darüber, prangern an. Trotz der Arbeit im Rettungsdienst sind sie immer noch Reporter geblieben, nicht wahr?

Meine Arbeit im Rettungsdienst ist wie eine kostenlose Recherche, auch wenn ich das nie so gesehen habe. Journalisten haben generell einen geschärften Blick für bestimmte Situationen und wollen Missstände ansprechen. Das merke ich auch bei mir. Ich kann gewisse Dinge nicht in mich reinfressen und einfach akzeptieren. Deshalb brauchte ich noch ein Sprachrohr, ein Format wie den Podcast, in dem ich das, was ich auf der Arbeit erlebe, auch besprechen kann. Ich bin jetzt zwangsläufig so etwas wie ein Rettungsdienst-Klassensprecher geworden. Meine Kollegen ermuntern mich auch, das zu tun. Sie sagen: 'Mach' das bitte für uns.'

Sie unterstützen die Pflege-Petition, die der stern gestartet hat, und die sich für bessere Arbeitsbedingungen in diesem Bereich einsetzt. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Wir Rettungskräfte arbeiten mit der Pflege Hand in Hand und übergeben unsere Patienten in der Rettungskette an Pflegekräfte. In beiden Bereichen muss sich viel tun, damit sich das Personal auch nach der Pandemie wertgeschätzt fühlt – und bleibt. Wir müssen verhindern, dass die Notfallversorgung schon bald gegen die Wand fährt.

stern-Aktion – für eine Pflege in Würde!

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Das Pandemie-Jahr 2020 liegt hinter uns. Was erhoffen Sie sich von 2021?

Drei Punkte. Erstens: Bis Februar sollte das gesamte Rettungsdienstpersonal deutschlandweit durchgeimpft sein. Das wäre mir sehr wichtig. Punkt zwei: dass Herr Spahn Wort hält und in zwei, drei Monaten in meinem Podcast auftaucht und wir dann einige Punkte auf der To-Do-Liste abhaken können. Und Punkt drei: dass ich im Herbst im Logo, einem Hamburger Club, eine Band sehen und dabei ordentlich schwitzen und hin- und herspringen kann.

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